Im Vorjahr (2004) wurde am Klausenhof bei Herrischried das Stück "Der
Salpetererhans" mehrmals aufgeführt. Dies aus Anlass des 350. Geburtstages
des Salpetersieders Hans Fridolin Albiez, der die nach ihm benannten politischen
Unruhen im Hauensteinerland auslöste (1726-1755). Diese Salpetereraufstände
endeten 1755 mit der Deportation von 27 Rädelsführern samt ihren Familien ins
ehemalige Banat, heute ein Teil von Rumänien. In Buch, dem Heimatort von Hans
Fridli Albiez, wird demnächst am 15. Juli mit der Premiere des Freilichtstückes
"D'Salpeterer vo Buech" die Historie dieser Aufständischen erneut
aufleuchten. Ihnen ging es vor allem gegen harte Anforderungen des Klosters
St.Blasien.
Die Salpeterer des 19. Jahrhunderts gehörten zu einer Bewegung, die ausgelöst
wurde durch gravierende Umwälzungen im staatlichen und kirchlichen Bereich. Im
Gegensatz zu den Obengenannten leisteten diese Salpeterer oder auch Ägidler
genannt nur passiven Widerstand gegen die Obrigkeit. Ihre Stärke war das
Verweigern, das Nicht - Anerkennen neuer Gesetze und Vorschriften, das Verharren
im Alten, im Überlieferten, kurz gesagt in der ihnen verhafteten Tradition.
Jahrhundertelang gehörten die Hauensteiner zur katholischen Herrschaft der
Habsburger. Im Zuge des napoleonischen Länderschachers kamen sie 1806 an das
Großherzogtum Baden, dessen Landesfürst evangelisch war. Das war schon suspekt
für sie. Das neue Land brauchte wegen der anstehenden Kriegszeiten viel Geld;
neue Steuern wurden ausgeschrieben, darunter auch eine auf das Schnapsbrennen,
die 1812 eingeführt wurde. Allein auf dem Wald scherte man sich nicht darum. So
gab es viele Schwarzbrenner. Ägidius Riedmatter von Kuchelbach bei Birkingen,
heute Gemeinde Albbruck, war einer davon. Er wurde 1815 angezeigt. Zur Strafe
sollte er 50 Reichstaler zahlen und den Kessel abliefern. Tat er nicht. Der
Einsatz von Gendarmen wurde von ihm und vielen Sympathisanten abgeblockt, die
man nach seinem Namen Ägidler und später auch Salpeterer nannte. 200 Mann
Militär aus Freiburg beendeten mit Gewalt den Widerstand der Widerspenstigen,
die alle zu hohen Bußen verurteilt wurden. Dies betraf ausschließlich Personen
aus dem Kirchspiel Birndorf.
Grundlegende Neuerungen im Bistum Konstanz (die Hauensteiner zählten bis 1827
dazu) verwirrten die traditionalistischen Katholiken auf dem Wald und sonst im
Land. Auf Anordnung des 1802 eingesetzten jungen Generalvikars Ignaz Freiherr
von Wessenberg (erst 10 Jahre später wurde er zum Priester geweiht) gab es große
Veränderung in der Diözese. Feiertage wurden aus dem Kalender gestrichen,
Wallfahrten abgeschafft, Gebetsbruderschaften aufgehoben, das Rosenkranzgebet in
der Kirche verboten. Dagegen forderte Wessenberg die Einführung der deutschen
Sprache in der Liturgie, jeden Sonntag eine Predigt und eine bessere Ausbildung
der Pfarrer. Das Bistum Konstanz sollte ein Modellfall werden. Eine
Nationalkirche mit einem Primas in Deutschland wurde angestrebt. Als gar noch
der beliebte alte Katechismus abgeschafft und mit Genehmigung der kirchlichen
Stellen ein neues, von einem protestantischen Pastor verfasstes Lesebuch in den
Schulen eingeführt wurde, kochte die Volksseele über. Vor allem, als noch
bekannt wurde, was sonst im Land geschah. Der ehemalige, von 1816-1828 in
Birndorf tätige Geistliche fiel vom katholischen Glauben ab und wurde
protestantisch. In Freiburg wechselten zwei Theologieprofessoren vom
katholischen zum evangelischen Glauben. 1831 wurde von Freiburg eine Petition an
den Landtag in Karlsruhe eingereicht mit der Forderung um Aufhebung des Zölibates.
Die Petition
trug die Unterschriften von 179 Persönlichkeiten, darunter 156 Geistliche und
11 Professoren der Freiburger Uni. Angesichts dieser bedenklichen Vorgänge
schworen die Salpeterer, römisch-katholisch und dem Papst in Rom treu zu
bleiben.
Bild:
Das Salpetererhaus in Birkingen,
hier
wohnte der letzte Salpeterer, Josef Schupp
Die Bewegung griff nun auch auf die andere Seite der Alb über, vor allem in
die Kirchspiele Hochsal, Görwihl und Rickenbach. Die Lehrer konnten die
Salpetererkinder nicht zum Lesen im neuen Lesebuch bringen. Als dieses auf
Forderung der Eltern nicht zurückgenommen wurde baten sie das, Bezirksamt
Waldshut, das Buch aus dem Unterricht zu entfernen. Das Amt reichte den Antrag
weiter an das Dekanat. Dieses ging gar nicht darauf ein, und so kam es zum
Schulstreik, sicher einer der ersten in Deutschland. Die Salpeterer schickten
ihre Kinder nicht mehr zur Schule, Geldbußen halfen nichts. Im Frühjahr 1832
wurden wegen der Schulversäumnisse zehn Familienväter in Waldshut eingesperrt.
Als das Bezirksamt versuchte mit Hilfe von Gendarmen in Hochsal und Rotzel
Kinder in den Unterricht zu zwingen, legten die Mütter ihre Kinder nackt ins
Bett und versteckten die Kleider. So mußten die Beamten unverrichteter Dinge
wieder abziehen unter dem Spott der Bevölkerung.
Zu diesen religiösen Auseinandersetzungen kam in jenen Jahren noch ein neuer
Akzent von einer ganz anderen Seite. Schon früh hatte der badische Staat die
Impfung gegen Blattern (Pocken) eingeführt. 1826 ließen Familien in Rotzel
ihre Kinder nicht impfen. Man drohte mit Haft. Ein Vater schrieb nach Waldshut,
dass er es nicht zulasse, seine Kinder zu impfen. "Ich helfe nicht mit,
Altes zu brechen und Neues zu machen. Ich glaube an die alte, römische,
alleinseligmachende Kirche". Das Ehepaar wurde verhaftet, die Kinder
zwangsgeimpft. Erst als die Impfung gezogen hatte, wurden die Eltern aus dem Gefängnis
entlassen.
Am 21. April 1833 hatte Weihbischof Hermann von Vicari eine Abordnung der
Salpeterer nach Hochsal bestellt. Er hörte ihre Klagen an und bat sie, von
ihrem Ungehorsam abzulassen. Etliche Tage später versuchte er, die
eingesperrten Salpeterer in Waldshut umzustimmen. Vergebens. Am 24. Mai erging
ein Erlass des Erzb. Ordinariates an alle Pfarreien des Dekanates Waldshut mit
der Mahnung vor allem an die jungen Priester, mit Klugheit und Besonnenheit
vorzugehen. "Die Leute stoßen sich an den vielen Neuerungen, welche sich
die Herren Seelsorger gegen die Gebräuche der Kirche und gegen die
vorgeschriebenen Riten erlauben", heißt es da mit weiteren Angaben.
"Die Leute ärgern sich, wenn sie die Herren Seelsorger mit ihren
weiblichen Dienstleuten auf die Märkte laufen oder fahren oder die meiste Zeit
in den Wirtshäusern vergeuden sehen". Am 28. Juni 1833 wandte sich
Erzbischof Bernhard Boll in einem Hirtenbrief in der selben Sache an die Gläubigen.
Es half nicht viel. Die Salpeterer wurden auf vielen Wallfahrten nach Einsiedeln
und Muri in der Schweiz in ihrer Meinung bestärkt, die Kirche in Baden sei
nicht mehr dem Papst treu unterstellt. Sie selbst wollten bei ihrem alten
Glauben bleiben. So verweigerten sie auch dem Großherzog gegenüber geforderte
Huldigungseide, sie zahlten keine Landessteuern mehr und nahmen dafür harte Bußen,
Strafen und Pfändungen in Kauf. Die Widerspenstigen gegen Staat und Kirche
besuchten ihre Pfarrkirchen nicht mehr; sie hielten in Bauernstuben eigene
Andachten ab und bestatteten ihre Toten selbst. Sie waren allgemein sehr belesen
in den heiligen Schriften, waren fromm und in der Dorfgemeinschaft hilfsbereit.
Um 1835 waren es rund 200 Familien auf dem Wald, dann bröckelte die Zahl der
Salpeterer langsam ab. In Missionen wurde versucht, diese Außenstehenden wieder
in den Schoß der katholischen Kirche zurückzuführen. Der letzte Salpeterer
rechts der Alb war Fridolin Rüde von Schachen (1836-1918). Er
"amtete" auch als "Salpetererpfarrer" am Grab von
Mitgliedern. Der Letzte überhaupt war der Schreinermeister Josef Schupp von
Birkingen. "Die Pfarrkirche von Birndorf hat er nie besucht", schreibt
Oberpfarrer Dr. Jakob Ebner. Er ließ keinen Geistlichen an sein Sterbebett und
starb schließlich am 26. Juli 1934.
Bild: Josef Schupp von Birkingen,
der letzte Salpeterer, starb 1934
Quelle:
Aus dem Alb Bote (Waldshuter Erzähler) vom 28.Mai.2005
Von Paul Eisenbeis, Görwihl
Bilder: Hochrhein und Hotzenwald, Badische Heimat 1932,
Geologische Landeskunde des Hotzenwaldes, Rudolf Metz